Beltane
Was will jetzt gelebt werden?
Morgens bleibe ich gerade ziemlich lange im Bett liegen (ich hatte bereits in meinem letzten Post darüber geschrieben).
Ich bin wach, könnte aufstehen – aber direkt nach dem Aufwachen kommen meine besten Ideen. Für Texte. Für Angebote. Also bleibe ich liegen, lasse die Ideen fließen.
Und sofort ist da diese Tu-was-Stimme: Steh auf. Tu was. Nutz die Zeit!
Du kennst sie auch, oder?
Jetzt, zu dieser Jahreszeit, wo draußen alles wächst und sprießt, spüre ich sie besonders stark.
Ende April feiern wir Beltane – eines der ältesten keltischen Jahreskreisfeste. Es markiert den Höhepunkt des Frühlings. Die Natur ist in ihrer vollen Kraft. Alles blüht, duftet, summt.
Und Beltane stellt die Frage: Was will jetzt neu gelebt werden? Was will durch dich in die Welt gebracht werden?
Heißt das so viel wie „Was will jetzt getan werden”? Oder gar „jetzt komm aber mal in die Pötte und mach was”?
Ich glaube, da steckt ein Missverständnis drin.
Etwas Neues zu leben, etwas zu verändern – das klingt in unseren Ohren oft nach einer riesigen Aktion. Nach „ab morgen alles anders”. Nach „jetzt aber richtig”.
Für dein Nervensystem ist das oft eine Überforderung.
Was in deinem Körper passiert, wenn Veränderung sich zu groß anfühlt
Stell dir vor, du liegst gerade entspannt auf der Couch.
Kein Stress, keine To-do-Liste im Kopf. Dein Kiefer ist locker. Deine Schultern hängen. Dein Bauch ist entspannt.
Und dann fällt dir ein: Eigentlich müsste ich jetzt...
Kennst du diesen Moment? Wie sich in Sekundenbruchteilen etwas in dir zusammenzieht? Bevor du auch nur einen klaren Gedanken fassen konntest, hat dein Körper bereits reagiert. Du beißt die Zähne zusammen. Die Schultern wandern nach oben. Irgendwo im Bauch zieht sich was zusammen.
Das ist dein Nervensystem. Es scannt ununterbrochen – deinen Körper, deine Umgebung – und stellt sich eine einzige Frage: Sicher oder nicht sicher?
Und was passiert, wenn du dir sagst: „Ab jetzt wird alles anders. Ich stehe früher auf, ich meditiere jeden Tag, ich höre endlich auf zu grübeln...”?
Dein System antwortet mit: Gefahr.
Alles Unbekannte ist für dein Nervensystem erst mal unsicher, selbst wenn es sich gut anfühlt. Sicher ist für dein System nur das, was es kennt. Das Vertraute, die alten Muster und Reaktionen. Auch wenn sie dir längst nicht mehr gut tun.
Wenn die Veränderung zu groß ist, wenn sie sich zu unsicher anfühlt, schaltet dein System in den Stressmodus. Es greift auf das zurück, was sich sicher anfühlt. Und das ist das, was es kennt.
Deshalb wird Veränderung schwer, wenn du dich zu riesigen Schritten zwingst. Und oft fällt dein System nach kurzer Zeit wieder zurück in die alten Gewohnheiten (wie war das nochmal mit den Neujahrsvorsätzen? …)
In meinen Coachings nenne ich das: die Komfortzone von innen ausdehnen.
Ein ganz kleiner Schritt in die Richtung, die sich stimmig anfühlt – mit genug Sicherheit im Körper, damit das System nicht sofort auf Alarm schaltet.
Das klingt fast zu einfach. Aber es ist das Gegenteil von dem, was wir Frauen gelernt haben: Reiß dich zusammen. Komm aus deiner Komfortzone. Mach mehr.
Manchmal bedeutet Veränderung, weniger zu tun. Nicht mehr.
Viele Frauen, die zu mir kommen, haben ihr Leben lang funktioniert. Gemacht, getragen, organisiert. Immer in Bewegung. Und wenn sie spüren, dass etwas anders werden soll, denken sie automatisch: Was muss ich jetzt zusätzlich tun?
Die Antwort ist oft genau das Gegenteil.
Die Tu-was-Stimme zu überhören kann mehr Veränderung sein als jedes große Tun nach außen. Weil es bedeutet: Ich höre auf mich. Ich vertraue mir. Ich gebe meinem System Raum.
Das gibt dem Nervensystem Sicherheit. Und aus Sicherheit heraus entsteht echte, nachhaltige Veränderung.
Auch in der Nervensystemarbeit gilt: weniger ist oft mehr. Die folgende Übung ist ein gutes Beispiel dafür: sie ist fast schon banal – und trotzdem wirksam. Vor allem, wenn du sie immer wieder wiederholst.
Setz dich kurz hin. Oder bleib liegen, wenn du magst.
Nimm bewusst wahr, was du siehst. Hör, was du hörst. Nimm den Geruch der Luft wahr.
Kein Bewerten. Kein Verbessern. Nur wahrnehmen, was da ist.
Das ist bereits Spüren. Und das reicht.
Mach die Übung gerne draußen in der Frühlingsnatur. Besonders wenn die Sinne etwas Schönes aufnehmen dürfen, gibt das deinem Nervensystem das Signal: Hier ist es sicher.
Was will bei dir jetzt gelebt werden?
Vielleicht ist es, morgen früh länger liegen zu bleiben. Vielleicht deine ganz eigene klitzekleine Veränderung.
Auch das wäre schon Beltane.
Schreib mir gerne in die Kommentare, was du darüber denkst.

